Karl-Heinz Ott über den Verfall einer Familie

Vier erwachsene Geschwister treffen sich wegen des Ablebens ihres Vaters im Elternhaus, streiten und diskutieren, während sie aufeinen Rechtsanwalt mit dem Testament warten, und erfahren, als dieser gegen Mitternacht kommt, dass sie enterbt sind, bevor am nächsten Morgen – womöglich infolge lauten Kopulierens – der totgeglaubte Vater, ein Lustmolch...

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Höchstrichterliches Urteil zu Romanfiguren

Der Bundesgerichtshof hat über die Frage entschieden, ob eine literarische Figur gegen eine Benutzung zu Werbezwecken geschützt ist. Wie kam es dazu und wie fiel das Urteil aus? Um für seine Karnevalskostüme zu werben, verwandte die Discounterkette Penny in Verkaufsprospekten die Abbildungen eines Mädchens, das mit dem Kostüm verkleidet...

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Höhere Wahrheit

Auszug aus einem Interview der FAZ mit der Lektorin Elisabeth Ruge

Aber wie erkennt man ein wichtiges Buch unter Hunderten Manuskripten?
Das ist schwer zu sagen. Es hat viel mit Intuition zu tun – das klingt ein bisschen klischeehaft und nach einer Platitude. Es ist aber so. Es ist fast ein seltsames Gefühl, das sich einstellt. Man spürt einfach, dass jemand etwas Wichtiges zu erzählen hat.
Wichtig in welchem Sinn?
Wichtig, weil das Buch zwar von einem bestimmten historischen Zeitpunkt erzählt, seine Bedeutung sich aber nicht mit voranschreitender Zeit erschöpft. Wenn ich beispielsweise an die „Zinkjungen“ denke, das erste Buch, das ich von Swetlana Alexijewitsch gemacht habe, dann war zwar entscheidend, dass sie auf den ersten Krieg in Afghanistan und auf seine Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Einzelnen in der damaligen Sowjetunion blickte. Aber sie tat das auf eine Weise, die mir etwas über das bestimmte historische Ereignis hinaus zu verstehen gab. Pathetisch würde man sagen, da ist eine höhere Wahrheit.
Können Sie versuchen, das zu präzisieren?
Es ist die Darstellung einer allgemeineren existentiellen Erfahrung, entwickelt aus einem präzis beobachteten historischen Augenblick. So ist es auch in Alexijewitschs Buch „Tschernobyl“, in dem es um die Reaktorkatastrophe geht, aber darüber hinaus auch um die Unfassbarkeit des apokalyptischen Geschehens: Sie erzählt, wie die Menschen in einem kleinen ukrainischen Dorf auf ihre Apfelbäume schauen, an denen schöne rote Äpfel hängen, und wie sie auf ihre Haustiere und den blühenden Garten blicken, auf ihr ganzes bisheriges Leben – und dann gesagt bekommen, das ist alles giftig, ihr müsst hier weg! Alexijewitsch hat das die „Chronik einer Zukunft“ genannt. Wir bekommen etwas erzählt, was wir eigentlich gar nicht verstehen können, weil es jenseits unseres Vorstellungsvermögens liegt.

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Liebe unter Spannung – Marcus Fischers Miniatur „Wild campen“

Wenn beim Küssen einer nicht ganz dabei ist, das merkt man, weil Küssen ist Millimeterarbeit. Mit solchen nur vom Ton her lockeren, in Wirklichkeit aber passgenauen Beobachtungen erweist sich Marcus Fischers Kurzgeschichte „Wild campen“ selbst als eine Millimeterarbeit, ein Miniaturstück jedenfalls, in dem sich weit Größeres widerspiegelt. Da sind...

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Martin Suters »Montecristo«: Ein Krimi, der sich selbst entlarvt

Suters neustes Buch ist spannend und elegant geschrieben; doch die Frage ist, ob noch mehr drinnen steckt. Die Erzählung scheint selbst so glatt wie die Gesellschaft, die sie problematisiert – was vielleicht wiederum ein Kunstgriff ist. Einem Auftragsmörder müsste eigentlich daran gelegen sein, möglichst unscheinbar auszusehen. In Martin Suters...

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Sprachbilderfrisch: Der Roman »Altes Land« von Dörte Hansen

Die Geschichte des ostpreußischen Kriegsflüchtlings Vera Eckhoff im Elbmarschland bei Hamburg und ihrer Nichte Anne, die der großstädtischen Ökoszene entflieht, findet viel Anklang, seitdem das Buch im Februar erschienen ist. Das mag in erster Linie inhaltliche Gründe haben, aber auch sprachlich hat das literarische Debüt von Dörte Hansen seinen...

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