Susanne Neuffer erzählt von Wundern jenseits des Geredes

Literatur und Kleider bestehen, im übertragenden oder wörtlichen Sinne, aus gewebten Fäden, doch griffe man zu kurz, sie bloß als Texte und Textilien zu verstehen. Sie können Wunder wirken, und damit beginnt der neue Erzählband von Susanne Neuffer:

Eine Künstlerin reist zu einer Ausstellung ihrer Skulpturen, ohne den Rat zu befolgen, sich „drei Sätze zu überlegen“, die sie auf Fragen zu ihrer Arbeitsweise notfalls sagen könnte. „Ich hätte mir doch rechtzeitig ein bisschen Text zurechtlegen sollen“, gibt sie zu, „die Fragen könnten ja echt sein“. Dafür schaut sie sich, bevor es losgeht, im Museumsumfeld um und landet in einem Laden für Abendkleider. Sie probiert eins und behält es als Leihgabe gleich an. Schon auf dem Rückweg in der S-Bahn kündigt sich die Macht des Gewandes an: Niemanden scheint es zu stören, dass der Reifrock viel Platz beansprucht. Der Abend in der Galerie wird ein Triumph. Die Künstlerin wird bewundert und bewegt sich souverän durch die Konversation – ohne zurechtgelegten Text. Am nächsten Tag bringt sie das Kleid zurück, jedoch als Textilstück eingepackt im Plastiksack, mit dem sie diesmal in der Bahn Unmut erregt. Nicht nur die Wirkung verpufft: Auch der Laden verschwunden.

Schaukeln auf den Stimmen

Das Wunder, das dieses Kostüm entfaltet, ist also ein vorübergehendes – trotzdem bleibt die Begebenheit wunderbar. Ganz ähnlich gestrickt ist die nächste Geschichte, die titelgebende für das ganze Buch: Im Schuppen ein Mann. Im Gartenschuppen einer frisch geschiedenen Hochschuldozentin pflegt ein arbeits- und wohnungslos gewordener Fahrlehrer heimlich zu nächtigen. Um unentdeckt zu bleiben, verlässt er bei Morgengrauen das Obdach, doch eines Spätsommertages verschläft er, bis Geräusche von der Terrasse ihn wecken: ein Frühstück der Hausbesitzerin mit ihren Freundinnen. „Die Stimmen sind miteinander beschäftigt, sie loben den Garten (so dicht! so verwunschen!) von den Rohrsesseln aus. Er bleibt liegen und schaukelt auf den Stimmen.“ Die Gastgeberin allerdings „lacht etwas lauter als es zum Text passt“ und ist abgelenkt. „Aber wenn man sich so lange kennt und schon so viele Frauenfrühstücke auf Terrassen und in riesigen hellen Küchen erlebt hat, hat man ja auch eine gewisse Routine der Zuwendung und des Nachfragens entwickelt und kann an etwas anderes denken, während man plaudert und nickt“.

Was es ist, das sie vom „Text“ enthebt, vom floskelhaften Gespräch in Gesellschaft, wird uns Lesern nicht gesagt, wohl aber entwickelt sich nun ein nonverbales Verhältnis zwischen der Hausherrin und dem Schuppenbewohner. Sie lässt ein Stück Torte auf der Terrasse (für ihn?) stehen, später, als es Herbst wird, eine Decke (sicher für ihn). Irgendwann partizipiert er an ihrem Fernsehabend, draußen an der Terrassentür hinter ihr stehend, sichtbar für sie im Spiegel. Wieder ein kleines Wunder jenseits des Geredes, der Gesellschaft. Und wieder eines, das vergeht: Denn nachdem eine dritte Person ins Spiel kommt, verlässt der Mann seine Notunterkunft für immer.

In fast allen der Stücken, die sich im ersten Teil des Buchs versammeln (auch dieser steht unter dem Titel Im Schuppen ein Mann), geht es um etwas, das jenseits der geselligen, gesellschaftlichen Konversation passiert, seien es „absurde Spiele“ mit Kindern anstelle von „höflich-desinteressierten“ Erwachsenengesprächen oder die Reise einer Mutter ans Nordkap, von der sie „sich ein paar Anekdoten bereitlegt“, falls sich jemand danach erkundigt, aber „wahrscheinlich wird niemand etwas fragen.“

Kompromisslose Musik

Das Gesellschafts-Jenseitige funkelt uns jedoch nicht mehr so an, wie in den beiden ersten Erzählungen, sondern das Diesseitige gewinnt an Raum. Wie bei dem Abendessen zweier in die Jahre gekommener Freundinnen, die Kurzurlaub in Istanbul machen. Um sie herum „blüht und flimmert und hupt die Stadt“, doch das Gesicht der einen „ist schon ganz eckig und faltig und gelb vor lauter Ehrgeiz“. Die andere hingegen tendiert zum „dialektischen Denken, (…) zum Kompromiss“. Sie reden über ihre Arbeit bei einer Tafel für Bedürftige; als ihre Ansichten aufeinanderprallen, stiert die Ehrgeizige sie an, „der Fisch auf ihrer Gabel ist eine kleine Silhouette vor dem Abendhimmel über dem Goldenen Horn“, bevor er „in die Öffnung geschoben“ wird. Die „Öffnung“, der Mund, Organ des Sprechens.

Einseitigkeit und Härte als Merkmale menschlichen Gesprächs vor einer wunderschönen Welt-Kulisse: Ist „kompromisslose Musik“, so eine der verblüffenden und bedenkenswerten Wortfügungen dieses Werks, tonangebend in unserer Gesellschaft? In der zweiten Hälfte ihres Erzählbandes thematisiert Neuffer jedenfalls dieses Problem. In Radio Vernunft ruft ein Rundfunkhörer in Diskussionsendungen an, um „in Zeiten verschärfter Polarisierung“ das „Erwartbare“ zu durchkreuzen. Mal spielt er den zweifelnden Rechtsextremisten, mal die Heine lesende Salafistin, mal den Bergführer mit Höhenangst, denn es geht ihm „um Dialektik. Ohne mich würden nur die üblichen kalkulierbaren Monologe durch den Äther und aneinander vorbeischwirren“. Wenn an anderer Stelle im Buch eine „wütend slammende und rappende junge Frau“ per Applausmessung einen Vorlesewettbewerb gewinnt oder Autoren „den Sound treffen“ sollen, dann scheint auch im Literaturbetrieb kompromisslose Musik zu spielen.

Hagerer RAFler à la Pegida

Erst recht gilt dies für politische Fragen, die im letzten Viertel des Buchs hervortreten. Eine Gruppe Altachtundsechziger lässt auf Vortragstournee die Epoche Revue passieren, unter den Besuchern ist „dieser hagere Mann, wir dachten an Pegida, weil er uns so zornig ansah“. Tatsächlich stellt er sich als „der lokale RAFler“ aus der dritten Generation heraus. Sonst aber sind die Zuhörer „dankbar für unser harmloses Programm, das sanft von alten Gefechten erzählt und die neuen ein bisschen vor der Tür hält“. Zeitliches Abstandnehmen erscheint insofern als heilsam, doch die Vergänglichkeit kann auch unheilvoll sein: Die Schlussgeschichte handelt vom Verfall der europäischen Idee, und das Symbol dafür ist ein zusammengekratztes Orchester, in dem schließlich jeder spielen darf, was ihm einfällt, sodass sich das Lied des lautesten Instruments durchsetzt. Darwinistische Musik.

Bliebe die Hoffnung auf den Tod, wie in der emblematischen Szene Wenn das Pferd ruft. Ein Schimmel steht auf die Wiese unter braunen, grauen, schwarzen Tieren, die ihn manchmal umstellen, „und doch sieht er entfernt aus“. Sein Blick sagt: „Steig auf, ich weiß den Punkt, an dem das Ende früher und leiser kommt.“ Die Beobachterin malt sich diese Flucht zwar aus, verwirft sie aber. Sie bleibt bei ihrem Buch, dem innerweltlichen Jenseits.

In einem Satz

Das Buch reicht vom Garten der Wunder bis zur politischen Tristesse; dazwischen spielt es mit Leichtigkeit und Tiefgang, Sprachwitz und Ernst Konstellationen unserer Zeit durch oder lässt sie in Details aufblitzen, realistisch bis surreal, immer kurzweilig.

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